Es ist grün und grüner wird’s wohl nicht.
Kein Spruch der vorletzten Koalition des Deutschen Bundestages. Kein links-grün versift, obwohl wir alle wissen, wie scheiße grün sein ist. Sondern eher die Frage danach, ob das, was gut ist, auch noch besser geht. Oder wir uns eben mit dem, was wir haben und denken zufrieden geben sollten.
Wie viel mehr kann ich haben, wenn ich doch nur noch an dich denke?
Mein Leben – wie aus einem Film. So gut, dass ich gestimmt war, fast das ganze Leid um mich herum zu vergessen. Egoistisch zu werden und nur darauf zu achten:
Wie viel mehr Wodka kann ich heute vertragen?
Wie konnte ich hier existieren und den Schmerz der Welt vergessen? Ob nüchtern oder betrunken, sollte ich mehr darauf geben, wie es anderen gehen könnte?
Während diese Fragen in meinem Kopf kursieren, sitze ich lachend am Tresen und verliere mich selbst in allem, was weltthematisch nicht relevant ist. Nur hier, in meinem kleinen Köpfchen und meiner Unterwäsche. Alles was zählt – und alles gefährlich nah am Wasser gebaut.
So habe ich meinen Rekord gebrochen.
23 Stunden trinken.
Genug, um nicht zu dehydrieren. Zu wenig, um zu vergessen, dass mein Stadtteil voll mit Nazis ist. Denn was direkt vor meiner Nase ist, bekomme ich meist mit. Wenn auch verschwommen oder doppelt scheinend. Mit Springerstiefeln und Bomberjacke liefen sie durch meine Straße, vorbei an „FCK AfD“ und „161“.
Und doch hatte ich irgendwann auf diesem Weg den Sinn fürs Feine verloren oder: fürs große Ganze.
Was ist dieses „Große Ganze“, von dem alle sprachen?
Denn wenn meine Aufmerksamkeit dem einem zugewandt war, kam ich nicht umher, anderes zu verdrängen. Außer du erwähnst meinen Namen, dann sei dir sicher, ich höre alles, was mich betrifft. Wohl war ich nichts anderes als ein Egoist mit Komplexen und zu vielen Gedanken.
Sex hier, Sex da.
Und nie so ganz bei deinen Augen, wenn du direkt vor mir stehst und mit mir redest. Sei dir sicher: mein Blick schweift immer wieder ab. Denn das bewerten oder beobachten von Menschen liegt wohl in meiner Natur und wird immer wieder mit der Frage begleitet: wie wäre es jetzt, würden wir miteinander schlafen?
Und so schnell werde ich das auch nicht wieder los. Denn wenn du einmal in meinem Kopf bist, hört sich der Gaza-Krieg plötzlich wie ein Nebenspiel an. Wie Film, der nebenbei läuft. Und die Reden des Deutschen Bundestags zu diesem Thema wie ein Tutorial für: wie verhalte ich mich am besten so richtig Scheiße?
Und doch muss ich sagen, geht es den Politiker:innen wohl ähnlich wie mir. Die Konzentration auf das große Ganze geht verloren, wenn anderes interessanter ist. Dort scheitert die Nächstenliebe an Habgier und Lust zum Geld und bei mir: die Lust auf dich.
Perfide, denn manchmal wünsch ich mir eben, ich würde mir die Menschen nicht immer nackt vorstellen. Ich konnte nie aufgeregt sein, wenn wir diesem Rat folgten und doch neigte ich immer wieder zu genau diesem Szenario.
Denn wer konnte mir sagen, ob das zwischen deinen Beinen wirklich härter knallte, als die Bomben?
Mein großes Ganzes und der Blick darauf hatte sich eben verschoben. Manchmal war das so im Leben. Denn als ich dazu gezwungen war, Prioritäten zu sortieren, war der Blick auf meine blauen Flecke und Handschellen schnell gelenkt.
Denn wo Glück existiert, existiert für mich auch Schmerz. Denn was war das Leben, ohne Unglück? Und wer war ich, wenn ich dieses nicht beherrschen könnte?
Und so saß ich hier und blickte abwertend auf die Welt und auf all das Chaos. Zu wenig Grün und doch zu viel und ich mittendrin. Doch stellte ich unentwegt fest, dass ich Chaos war. Ich war es auch. War ich also das Problem des großen Ganzen? Oder doch zu klein?
Würde ich irgendwann anfangen zu sortieren? Ein Toast – denn bis dahin, Prost auf mich!
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