Ich sehe dem Ende der Welt nicht entgegen wie ein Pessimist. Doch man darf wohl noch hoffen. Denn wenn meine Erkenntnis nach diesem Wochenende wahr geworden war, musste ich zudem eingestehen: Ich bin vollends verloren – und ihr ohne mich erst recht.
War ich zu viel geworden oder waren es die Menschen in meiner Stadt, die mich zu „zu viel“ machten? Auch wenn ich unweigerlich weiß, dass Ruhm und Anerkennung auch mit negativen Nebeneinflüssen einhergehen müssen, drängte ich diese Einsicht immer häufiger zur Seite und tat sie ab mit:
Ich bin Sex und Politik.
Genau das war es, was mich ausmachte. Laut und auffällig, überall gesehen und erkannt. Politisch gesehen, bin ich die beste Koalition, die ihr im Morgenmantel kennenlernen konntet. Ich entblößte mich mehr als jede Schlagzeile der Bild einige Politiker:innen. Ein Hauch von gutem Aussehen und krasser Ausstrahlung – und das Beste daran:
Alles, was ihr hört über mich, ist wahr – solange es geil ist. Hört ihr schlechtes, so denkt einfach an meine Brüste. Denn die sind wohl sehr heiß. Und alles Negative scheint vergessen.
Doch kam ich nicht umher, mich auch mal außerhalb meines gewohnten Terrain zu bewegen, hinein ins Unbekannte – ich sollte expandieren. Mehr sehen und mehr sein. Dem entfliehen, was mir so am Hasselbachplatz begegnet. Schreie nach „Lara“, sobald ich aus der Bahn stieg, Blicke meinen Körper auf und ab.
Sollte es woanders eben – anders sein?
Es war mir möglich geworden, endlich jemand anderes zu sein, als ich selbst. Ein bisschen heimlich und inkognito. Solang ich es wollte zumindest. In einer Stadt, in der ich eben nicht gekannt wurde:
Potsdam.
Meine vorher positiven Einstellungen sollten schneller zerschlagen werden als die Stimmen der CDU im Punkto Frauenrechte. Und welche Auswirkungen das auf mein Ego haben könnte, sollte ich zudem schmerzlich feststellen. Und zudem dazu führen, dass ich mich fragte:
Seit wann sind wir so an Sexualisierungen gewöhnt?
Als ich gegen 23 Uhr einen Spaziergang unternahm, weg von der „Waschbar“, hin zu den verlassensten Gassen, die ich eben finden konnte, wurde mir bewusst, wie sehr ich mir selbst geschadet hatte. Denn eindeutig war ich das Unheimlichste, was diese Stadt in einer Samstagnacht zu bieten hatte. Plötzlich war ich zur Angst geworden und das Leben kam mir nicht etwa leichter vor. Ich dachte mir nicht, ich könnte mich endlich in Sicherheit wiegen, meinen Spaziergang genießen und glücklich sein, kein Cat calling zu vernehmen. Niemand der meine Titten bewunderte oder peinlich versuchte, mit seinem Knie meinen Po zu berühren.
Nein- Ich fand mich vor der Tatsache wieder, dass mir etwas fehlte.
War diese Herablassung bereits Teil meines Charakters geworden?
War es normal, dass ich mich leer und unwillkommen fühlte, wenn ich nicht belästigt worden war?
Offenbar brachte mich diese Sexualisierung überhaupt erst zum Leben.
Denn dieses friedliche Beisammensitzen in der Bar mit Karten und Mau Mau unter linken Menschen, dieser Frieden ohne ausziehende Blicke und die Ruhe der Straße machte mir klar, dass Probleme sich in jeder Stadt anders auszuwirken schienen. Und ich mittendrin, in diesem Frieden? Die Menschen schienen müder als hier in Magdeburg. Sie schienen entspannter, als ich es gewohnt war. So umarmte ich niemanden der Barkeeper:innen, ich wurde wahrscheinlich nicht einmal gesehen. Doch wissen wir wohl alle: es hätte sich mehr als nur gelohnt, mich genauer zu betrachten.
Es war fast, als wäre ich aus einem Albtraum erwacht, nachdem ich den Hasselbachplatz in der Nacht des Sonntages wieder erreicht hatte. Endlich wieder fragile Männer-Egos, erfolglose Flirtversuche und Beschwerden über Feminismus und Emanzipation – hier war ich wohl richtig. Denn in diesem Chaos fühlte ich mich plötzlich nicht mehr leer.
Und stellte unweigerlich fest, dass ihr mich ausfüllt. Mir mehr gebt, als ich selbst es jemals konnte. In einer Stadt voll mit Sex und Menschen, die meinen Namen schreien:
Sex und Politik – und plötzlich wurde mir klar, ich brauche euch, damit ich mich spüre.
Schreibe einen Kommentar