Wo bin ich eigentlich geblieben die letzten Wochen? Und wann habe ich angefangen, mich selbst zu verlieren?
Ich stellte fest, dass wir erst bemerken, was uns fehlt, sobald wir damit begonnen, zu kompensieren. Ein neues Tattoo am Schlüsselbein, welches leicht von meinen Brüsten ablenken soll. Denkt nicht nur an sie, ich existiere auch noch. Und während der Schnapsidee, sie vielleicht weniger präsentieren zu sollen, zog ich sofort meinen Pullover aus, sobald ich das Flowerpower betrat. Nicht etwa, aufgrund der Wärme. Sondern eher auf den Toiletten, vor dem Spiegel stehend, mich selbst betrachtend. Dabei sichergehend, dass mein Bauch wirklich dünn genug aussieht.
Und wieder vor der Gewissheit:
ich war eine Heuchlerin mit Titten – wie Alice Weidel in gutaussehend und intelligent. In einem Outfit, welches mich widerlich fühlen ließ. Ich hatte die Befürchtung, dass es erkannt werden könnte, da ich es schon am Vortag getragen hatte. Eine Vorahnung, wie bei schlechtem Sex – die Angst, dass es eine grauenhafte Nacht werden könnte. Gleiches Outfit – Scheidentrockenheit. Auch wenn ich darin natürlich fabelhaft aussah, mied ich die Bar, welche es kennen würde. Als wäre es ein Aushängeschild mit schlechter, neongrüner Schrift.
„Lara hier – und nichts Neues zu sehen.“
Denn wie konnte ich besonders sein, wenn ich gleich aussah? Was machte mich mehr aus, als meine Äußerlichkeit?
Was würde die Sternbar nur über mich denken, wenn ich 20 Stunden nach meinem Verlassen dieser Bar um 5 Uhr morgens, mit demselben weißen Shirt und derselben Hose dort stehen würde?
Oder würden sie es überhaupt bemerken? Oder nahm ich mich selbst einfach zu wichtig?
Eine Nachtschicht nach der anderen am selben Hasselbachplatz, der immer wieder dazu neigte, nicht derselbe zu sein. Zu junge Menschen, Erstis und dann auch noch betrunkene Idioten mit Parolen. Dabei fiel mir auf, dass ich die bekannteste Person hier sein musste – was zu allem Überfluss jedoch keine Rolle spielte. Denn wie konnte ich bekannt sein unter unbekannten Gesichtern und Menschen? So verlor ich langsam in dieser Samstagnacht an Bedeutung – denn wo du nicht gekannt wirst, kannst du niemand sein.
Es war so leer in diesem Kreisel mit vollen Menschen und ich ging der Frage nach:
Wo war ich noch sicher?
Denn selbst in einer Unterhaltung mit einem Fahrer der MVB kam ich mir vor wie eine Aussätzige. Irgendwie – intelligenter, toleranter und das gegenüber Menschen, die in der Bahn für meine Sicherheit sorgen sollten? Denn sobald die Worte „diese Ausländer“ ertönten, wich mein Kopf unumkehrbar diesem Gespräch aus und ich verlor jegliches Gehör.
„Diese Ausländer…“ und diese Idioten, die immer noch im falschen Jahrhundert lebten. Alles vereint mir gegenübersitzend und Teil unserer Gesellschaft. Teil von mir.
Wann hatten sie begonnen, die Schuld bei allen anderen zu suchen? Und wann hatte ich angefangen, mich selbst so zu erniedrigen, um andere zu beglücken? Trotzdem freundlich zu lächeln und lieber die nächste Station als Ausweg zu nutzen, statt klare Worte.
Hatte ich doch zu wenig Mut?
Oder war ich zu einem Problem geworden?
Ich erzählte bereits von einigen Regeln von mir:
1. Höchstens 3x Sex mit der gleichen Person
2. 5 min Zeit, um meinen Orgasmus zu erzielen
3. Und die 1x und nie wieder Regel.
Während sich die ersten beiden auf den Sex mit Männern bezogen, war die letzte eine ganz persönliche. Mich selbst jeweils einmal zu präsentieren und beim nächsten Mal etwas anderes zu sein. Anders zu sein. Die Menschen zu begeistern, bloß nicht langweilen und jeden Tag aufs Neue entscheiden, wer ich heute zum Fick eigentlich bin.
Denn zwischen einer 1er Studentin und einer Eins im Bett, Party Maus, It-Girl und allem, was sich die Menschen eben wünschten, verlor man eben schnell den Überblick – über sich selbst. Vielleicht brauchte ich ein Wahlprogramm. Ganz detailliert und mit Zielen für mein Leben und meine Mitmenschen. Wahlversprechen und das Schöne daran war, dass eben der Bruch dieser keine Schande war. Eher wie Vorschläge, wie etwas hätte sein können – und eben genau das Gegenteil tun.
Klang verlockend und vor allem fast nachdem, weshalb die Menschen zum Scheitern neigten. Denn wie ich oft gefragt wurde, möchte ich jetzt aufgreifen:
Was hat die Politik mit Sex zu tun?
Was hat sie nicht?
Ich politisiere mich jeden Tag aufs Neue – und dass ich Sex pur bin, ist wohl nichts Neues. Verstellen und Versprechen. Repräsentieren und dirigieren. Anders funktionierte es wohl nicht im Leben. Und ganz nebenbei verlor ich, wer ich eigentlich sein wollte. Denn neben meine Repräsentanz, war es schwer zu filtern, was mich neben all dem ausmachte. In einem politischen System zu sein, heißt, es zu sein. Und damit klarzukommen. Und hier, auf dem Weg, der sich auch gern das „Erwachsen werden“ nennt, habe ich nicht ganz freiwillig erkennen müssen, dass es an geplanten Kooperationen scheitern musste und Pläne verworfen werden.
Ich war eure Inflation geworden.
Eigentlich viel zu viel, aber ihr werdet nie um mich herumkommen. Seht mich jeden Tag – ganz präsent. Und nehmt mich doch nur nebenbei wahr. Außer ich bin nackt – dann heißt es wieder:
All eyes on me – kennt mich, liebt mich und zeigt mir endlich, wer ich bin, wenn ich niemand sein kann.
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